„Denn wie ich bin, so bin ich auch beständig,
Nie der Verzweiflung geb‘ ich mich dahin;
Ich mild’re Schmerz, das höchste Glück vollend‘ ich;
Weiblich gestaltet bin ich männlich kühn.“
Goethe: Gedenken an Königin Luise 1815
Zum 250. Geburtstag der Königin Luise von Preußen am 10. März 2026
Ein Artikel von Bernd Polte
Illustration: KI-generierte Videoszenen von Uwe Jörg Schmickt
Am 10. März 1776 kam im Alten Palais in der Leinestraße in Hannover ein Mädchen zur Welt und wurde am 25. März den Namen Luise Auguste Wilhelmine Amalie getauft.
Ihre Mutter war Frederike von Hessen-Darmstadt, der Vater Herzog Karl Ludwig von Mecklenburg-Strelitz. Die Geburt des sechsten Kindes in der Familie eines kleinen deutschen Fürsten war Alltag. Luise, ihre ältere Schwester Therese und die jüngere Frederike galten als hübsch und wurden zu attraktiven Erscheinungen. Ihre Kinder- und Jugendjahre verlebte Luise in Darmstadt. Ihre geliebte Großmutter, Prinzessin Georg von Hessen-Darmstadt, wurde für Luise zur wichtigsten Bezugsperson und Erzieherin.
Videoszene und Composing/Bildbearbeitung © Uwe Jörg Schmickt
Dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen wurde durch seinen Vater, Friedrich Wilhelm II., die Schwestern Luise und Frederike als mögliche Bräute am 13.03.1793 in Frankfurt vorgestellt. Er entschied sich für Luise. Sie äußerte: “Wir wussten beide sofort und ohne Umschweife, woran wir miteinander waren.“
Am Weihnachtstag 1793 heiratete die 17-jährige Luise den Auserwählten im Weißen Saal des Berliner Schlosses und wurde „Preußens schönste Kronprinzessin.“ Als König Friedrich Wilhelm II. am 16.11.1797 starb, wurde ihr Mann König und Luise Königin von Preußen. Von 1794 bis 1809 gebar sie 10 Kinder, nach der Totgeburt einer Tochter im Jahr 1794 weitere 5 Jungen und 4 Mädchen. Der Zweitälteste, Wilhelm, 1797 geboren, wird am 18. Januar 1871 der erste Deutsche Kaiser.
Königin Luise von Preußen und der Frieden von Tilsit
Ihre historische Bedeutung, die tiefe Verankerung Luises im Bewusstsein der Menschen in Preußen, besonders in Ostpreußen und Tilsit, verdankt sie auch ihrem Wirken an wenigen Tagen im Juli 1807, dem preußischen Schicksalsjahr. Mit ihrem Opfergang zu Napoleon in Tilsit, dem Versuch, den Untergang des preußischen Staates zu verhindern, wurde die Legende „Königin Luise“ geboren.
Nach den Niederlagen des preußischen Heeres in den Schlachten gegen den französischen Kaiser Napoleon in den Jahren 1805–1807 war ganz Preußen besetzt, nur ein kleiner Landstrich mit der Stadt Memel in Ostpreußen blieb frei. Hierhin flüchtete die Königsfamilie im Januar 1807 mit ihren Kindern. Sie bezogen Quartier im Haus des Kaufmanns Consentius, welches später zum Rathaus umgebaut wurde. Die verlorene Schlacht des vereinten russischen und preußischen Heeres bei Friedberg am 14.06.1807 führte zu Friedensverhandlungen Napoleons mit dem russischen Zaren Alexander. Tilsit wurde zum neutralen Ort, und alle drei Monarchen bezogen zu den Friedenshandlungen hier Quartier. Preußens Schicksal wurde in diese Verhandlungen einbezogen. König Friedrich Wilhelm III. wurde bei den ersten Friedensgesprächen Napoleons und Alexanders auf einem Floß auf der Memel vor Tilsit am 25.06.1807 aber nicht gehört. Im strömenden Regen stand er am Tilsiter Ufer, in einen russischen Militärmantel gehüllt, die Ergebnisse der Gespräche erwartend. Ab dem 27.06. wurde er in die Verhandlungen einbezogen und erkannte, dass Napoleon den preußischen Staat zerschlagen wollte.
Die Berater des Zaren und des Königs empfahlen, Königin Luise um eine Audienz bei Napoleon zu bitten, um die Interessen Preußens darzulegen und mit ihrer Persönlichkeit günstige Bedingungen im Friedensvertrag mit Frankreich zu erreichen. Trotz tiefer Abneigung zum französischen Kaiser willigte sie ein.
Am 04.07.1807 fuhr Luise von Memel in das nahe Piktupönen bei Tilsit, dem Hauptquartier des Zaren und des preußischen Königs. Sie bezog Quartier im Pfarrwitwenhaus. Luise sah die Bereitschaft zur Begegnung mit Napoleon als großen Beweis der Liebe und Ergebenheit für Preußen, dem Land, an dem sie hing. Der Zar sagte zu Luise am 05.07.1807 vor dem Treffen mit Napoleon: “Nehmen Sie es auf sich und retten Sie Preußen.“
Zu den Verhandlungen bezogen die Herrscher Quartiere in Tilsit. Der König von Preußen das ehemalige Müllerhaus in Stromnähe der Schlossmühlenstraße, es gehörte der Tilsiter Kaufmannsfamilie Siegmund. Napoleon residierte im Haus des Justizkommissionsrats Ernst Ludwig Siehr in der Deutschen Straße 24 und Zar Alexander in der Deutschen Straße 21, einem Eckhaus.
Am Nachmittag des 06. Juli 1807 traf Luise, geleitet von einer Abteilung des preußischen Eliteregimentes „Gardes du Corps“, in Tilsit ein. Sie wurde von Friedrich Wilhelm und Zar Alexander begrüßt, die sie zum Quartier in der Schlossmühlenstraße begleiteten. Von dort begab sie sich zum Treffen mit Napoleon zu dessen Residenz in der Deutschen Straße. Ihre Hofdame Lysinka von Tauentzien beschrieb ihre Erscheinung zu diesem Bittgang der Königin:
„Die Königin trug einen weißen Crêpe mit Silber gestickt, ihren Perlenschmuck und ein Diadem von Perlen im Haar. Sie war in ängstlicher Spannung, aber trotz aller Gemütsbewegungen dieser Zeit erinnere ich mich kaum, sie schöner gesehen zu haben als gerade in diesen für sie so schweren Tagen.“
„Napoleon empfängt die Königin von Preußen in Tilsit, 6. Juli 1807.“ (Videoszene nach dem gemeinfreien Gemälde von Nicolas Louis François Gosse (* 2. Oktober 1787; † 9. Februar 1878).
Napoleon begrüßte Luise vor seiner Residenz in Anwesenheit des Zaren Alexander und des Königs und geleitete sie die Treppe hinauf in den Gesprächsraum. Beide führten das Gespräch ohne Zeugen. Als Luise Napoleon gegenüberstand, begriff sie, dass er ein außergewöhnlicher, ja genialer Mensch war, der ihr mit großer Achtung begegnete und aufmerksam ihren Argumenten für einen für Preußen günstigen Friedensvertrag folgte. Napoleon hatte geglaubt, eine nichtssagende, hübsche, vielleicht kokette, sicherlich geistlose Königin zu treffen. Nun begegnete ihm eine Frau, die kraft ihrer Argumente und ihrer Persönlichkeit ihn verlegen machte. Viele Jahre später, in Verbannung auf St. Helena, notierte er zu diesem Treffen in sein Tagebuch:
„Trotz aller von mir aufgebrachter Geschicklichkeit, trotz meiner Anstrengungen erwies sie sich stets als Beherrscherin, als die Tonangebende der Unterhaltung, kam immer auf ihr Thema zurück.“ Gegenüber dem Zaren Alexander äußerte er in den Verhandlungstagen von Tilsit: „Die Königin von Preußen ist eine reizende Frau, ihre Seele entspricht ihrem Geist, und wahrhaftig, anstelle ihr eine Krone zu nehmen, möchte man versucht sein, ihr eine andere zu Füßen zu legen.“
Audienz von Königin Luise von Preußen bei Napoleon Bonaparte am 6. Juli 1807 in Tilsit. (Videoszene und Composing/Bildbearbeitung © Uwe Jörg Schmickt)
Zu festlichen Treffen der drei Monarchen in Tilsit traf Luise nochmals Napoleon. Dieser hatte am 9. Juli 1807 mit Zar Alexander den Tilsiter Friedensvertrag dieser beiden Staaten unterschrieben und den zukünftigen Status Preußens vereinbart. Preußen erhielt seine Staatlichkeit, verlor aber über die Hälfte seines Territoriums und über 3,8 Millionen Einwohner. 140 Millionen Franken Kontributionen waren zu zahlen. Es lag militärisch und ökonomisch am Boden. Vielleicht war es auch dem Auftreten der Königin Luise mit zu verdanken, dass die Staatlichkeit erhalten blieb und Preußen nicht verloren war. Entscheidend war wohl nicht der Bittgang der Königin Luise, sondern das Veto Zar Alexanders I., der diesen Kompromiss bei Napoleon erreichte. Aber der Mythos der Königin Luise war geboren.
Luise war jedoch über Napoleons Entscheidungen enttäuscht und verbittert. Zum Treffen in Napoleons Haus äußerte sie, dass man sie dort schrecklich getäuscht habe. Bei der letzten Begegnung mit ihm zum Abschluss des Vertrages zum „Tilsiter Frieden“ richtete sie nur die Worte an den Imperator: „Sire, Sie haben mich auf grausame Weise getäuscht.“
„Napoleon empfängt die Königin von Preußen in Tilsit, 6. Juli 1807.“ (Videoszene und Composing/Bildbearbeitung © Uwe Jörg Schmickt)
Luise und der König kehrten nach Memel zurück, gingen am 14.01.1808 nach Königsberg, welches sie erst am 15.12.1809 verließen, und trafen am 23.12.1809 nach dem Abzug der Franzosen aus der besetzten Stadt wieder in der Hauptstadt Berlin ein.
Am 25.06.1810 besuchte Luise nochmals ihren Vater und ihre Geschwister in Neustrelitz und begab sich danach auf das Schloss Hohenzieritz am Tollensesee. Hier erkrankte sie schwer und erlag am 19.07.1810 um 09.00 Uhr morgens im Alter von 34 Jahren einer Lungenentzündung.
Der Frieden von Tilsit zwischen Napoleon und Alexander hielt nur fünf Jahre. Am 24. Juni 1812 überschritt Napoleon mit 600.000 Mann – viele waren Deutsche und Österreicher aus den besetzten Provinzen – die Memel und drang im September bis Moskau vor, das in Flammen aufging. Die Grande Armée wurde auf dem erzwungenen Rückzug vernichtet, und Napoleon kehrte bereits im Dezember nach Paris zurück. Die Reste der Armee, 30.000 Soldaten, überschritten Ende 1812 wieder die Memel. Der Kommandeur des preußischen Korps von 20.000 Soldaten, die unter General Ludwig von Yorck als Deckungstruppen im Baltikum am Feldzug teilnahmen, schloss bei Tauroggen, unweit von Tilsit, am 30.12.1812 einen Waffenstillstand mit dem russischen General Hans Karl von Diebitsch. Es war der Beginn des Befreiungskrieges gegen die napoleonische Fremdherrschaft in Deutschland. Die Waffenbrüder Russen, Preußen, Schweden und Österreicher schlugen bis 1815 die Heere Napoleons.
Der Geist von Königin Luise war bei den preußischen Truppen in diesen Kämpfen allgegenwärtig. Ihr Widerstand gegen Napoleon und ihr Einsatz für Preußen beseelten die Soldaten. Der Name Luises wurde zum Symbol der vergangenen Leiden und Unterdrückungen durch die Franzosen, die es zu rächen galt. Ganz bewusst stiftete König Friedrich Wilhelm III. den Orden des Eisernen Kreuzes am 10. März 1813, dem Geburtstag der Königin. Mit der Stiftung des Eisernen Kreuzes knüpfte der König symbolisch das Band zu seiner verstorbenen Ehefrau Luise, ihrem Mythos als liebende Mutter und preußische Märtyrerin. Das erste Eiserne Kreuz verlieh Friedrich Wilhelm III. postum seiner Gemahlin Luise.
Erster militärischer Träger war Oberstleutnant Rudolf Friedrich von Hellwig, dem Luise für seine Tapferkeit, er hatte am 17.10.1806 in einem Handstreich in Thüringen 8000 gefangene preußische Soldaten befreit, 1807 in Memel mit dem Orden „Pour le Merite“ ehrte.
Es waren Einheiten der sofort aufgestellten ostpreußischen und schlesischen Landwehr und des Freikorps Lützow, die im März 1813 unter dem Kommando des Marschall Blücher als erste in den Kampf gegen die französische Fremdherrschaft zogen.
Der Dichter Theodor Körner, als Kämpfer des Lützowschen Freikorps, am 13.08.1813 bei Gadebusch gefallen, widmete der Königin folgende Zeilen:
„So soll Dein Bild auf unseren Fahnen schweben,
Und soll uns leuchten durch die Nacht zum Sieg.
Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache,
Luise sei das Losungswort zur Rache“.
Am 13. März 1814 stand Generalfeldmarschall von Blücher auf den Höhen des Montmartre vor den Toren der Stadt Paris. Napoleon war geschlagen und Preußen von der Knechtschaft befreit. Der alte Militär stieß seinen Degen in die Erde und rief aus: „Luise ist gerächt!“



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