80. Jahrestag des Beginns des Deutsch-Sowjetischen Krieges „Russlandfeldzug“

ein Beitrag von Bernd Polte – Stadtgemeinschaft Tilsit

Am 22.06.2021 jährte sich zum 80. Male der Beginn des Krieges Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion. Unsere nordostpreußische Heimat stand in diesen Tagen im Mittelpunkt des Aufmarsches der Wehrmacht.

Martin Loseries, evangelischer Pfarrer, seine Vorfahren stammten aus dem Kirchspiel Groß-Lenkeningken (Großlenkenau), er war bis zu seinem frühen Tode Kirchspielvertreter von Lengwethen (Hohensalzburg), hielt am 17.10.2010 in der Salzburger Kirche in Gumbinnen (Gusev) eine Predigt zu Matthäus 25,40b, aus Anlass des 70. Jahrestages des Beginns des Russlandfeldzuges. Seine Worte zu Ursachen, Zielen und Ergebnissen dieses Krieges sind noch heute hochaktuell und bedenkenswert.
Auch von unserem Hof bei Ragnit sind sie aufgebrochen. In jenen Morgenstunden des 22. Juni 1941. Soldaten, Pferde und Artillerie waren schon seit Wochen bei meinem Opa einquartiert. Gegen Russland geht`s, sagten die Soldaten, die auf unserem Hof mithalfen. Die größte Streitmacht der Weltgeschichte brach auf, gen Osten. 3 Millionen Männer. Russland im Sturm zu erobern. Die Völker des Ostens auf ewig zu unseren Knechten zu machen. Lebensraum im Osten. Und das Leben der Russen zählte nichts, gar nichts.
Das neue Evangelium hatte die Herzen und Sinne der meisten Deutschen ergriffen: Das Evangelium vom Herrenmenschen und Untermenschen, das Evangelium von Blut und Boden, das Evangelium von Arier, der zur Herrschaft berufen sei, das Evangelium von wertvollen und vom lebensunwerten Leben. Was Jesus einst gesagt hatte galt nicht mehr.   Von Gott wollten wir uns nicht mehr sagen lassen was gut und böse ist. Andere sagten uns was gut und was böse Und darum haben wir letztlich auch dieses wunderbare Land hier verloren. Weil wir gefolgt sind, bis zum bösen Ende, diesem todbringenden neuem Evangelium, das nichts mehr mit Gottes Evangelium zu tun hatte.“
Unsere engere Heimat in Ostpreußen, das Memelland, die Elchniederung, der Kreis Tilsit-Ragnit und die Stadt Tilsit wurden im Frühjahr 1941 zu einem Aufmarschgebiet von über 300 000 deutschen Soldaten der Heeresgruppe Nord. 18 Divisionen der 18. Armee des Generaloberst v. Küchler und der Panzergruppe 4 des Generaloberst Hoepner, zogen in ihre Bereitstellungsräume. Das waren so viel Soldaten, wie das Memelland, unsere beiden Landkreise und die Stadt Tilsit Einwohner hatten. Von Nimmersatt, dem nördlichsten Grenzort Deutschlands, bis nach Schmalleningken, dem Grenzort zu Litauen an der Memel, wurden Angriffsstellungen der Divisionen bezogen. Über die Tilsiter Luisenbrücke zog wochenlang die Infanterie der ersten Staffel in Nachtmärschen in die Dörfer des Memellandes. Unter Nutzung der Tilsiter Eisenbahnbrücke wurde schwere Technik und Ausrüstung nachgeführt. Auch über die Brücke bei Ruß zogen die Infanteriedivisionen zweier Korps in das nördliche Memelland. Die Panzertechnik der 3 Panzerdivisionen der Panzergruppe 4 im Raum Pogegen-Schmalleningken wurde erst in den letzten Tagen vor Angriffsbeginn den Truppen zugeführt. Der Flugplatz Tilsit wurde für Kampfflugzeuge aktiviert und in der Gemarkung Lobellen-Juckstein an der Scheschuppe, ein Feldflugplatz errichtet.

Zu den Truppen der 18. Armee gehörten alle 6 aufgestellten ostpreußischen Infanteriedivisionen. Zur traditionsreichen Königsberger 1. Infanteriedivision zählten auch Einheiten der Tilsiter Garnison, das III. Bataillon des Infanterieregimentes 43 aus den Kasernen der Stolbeker-Straße und die III. Abteilung des Artillerieregimentes 1 aus der Yorck-Kaserne. Die Pioniereinheiten dieser Division aus Sköpen an der Gilge in der Elchniederung, traten mit zum Angriff an. Diese Division war gegenüber Tilsit im Raum Pogegen mit Angriffsrichtung Tauroggen konzentriert. Die Radfahrabteilung 1 aus Tilsit zog mit der Insterburger 1. Kavalleriedivision zur Heeresgruppe Mitte. Auch die Insterburger 61. und 291. Infanteriedivision, die „Elchdivision“ die Allensteiner 11.und 217. Infanteriedivision und die 21. Elbinger Infanteriedivision bezogen von Memel bis nach Pogegen Stellung. Die neun Divisionen der Panzergruppe-4 ,in ihrem Bestand das Zintener Panzerregiment-10, die Hauptstoßkraft, griffen aus dem Raum Ragnit-Schmalleningken an.

Alle diese ostpreußischen Verbände überschritten am 22.06.1941 ab 03.05 Uhr die Litauische Grenze und hatten bereits in den ersten Stunden harte Kämpfe zu bestehen. So wurde die ostpreußische 61. Infanteriedivision im litauischen Grenzstädtchen Gargzdai in schwere Gefechte verwickelt und erlitt erste Verluste. Diese litauische Kleinstadt mit litauischer und deutscher Bevölkerung und einem Viertel jüdischer Einwohner wurde am 24.06.1941 zum Schauplatz erster Massaker des Russlandfeldzuges. Durch die SS- „Einsatzgruppe Tilsit “der Staatspolizei Tilsit, wurden 200 Menschen, zumeist jüdische Bürger dieser Stadt, erschossen. In den folgenden Wochen wurden weitere Einwohner, insgesamt über 750 Menschen im naheliegenden Wald bei Vezaitine umgebracht. Dieser Krieg wurde zum Weltanschauungskampf und Vernichtungskrieg.
Die ostpreußischen Divisionen der 18. Armee griffen im baltischen Raum, Richtung Leningrad an, belagerten von Herbst 1941 bis Januar 1944 diese Stadt und hatten äußerst verlustreiche Kämpfe bei Tichwin, am Wolchow, bei den 3 Ladogaschlachten und im Kurland zu bestehen. Zehntausende ostpreußische Männer, darunter viele aus Tilsit und den Kreisen am Memelstrom, bezahlten diesen verbrecherischen Krieg mit ihrem Leben.
Unsere ostpreußischen Divisionen, die am 22.06.1941 aus dem Memelland in die Sowjetunion einmarschierten, gingen 1945 unter. Die 1., 61. und 21 Infanteriedivision kämpften auf verlorenen Posten, im Winter und Frühjahr 1945 im nördlichen Ostpreußen, an der Memel, bei Gumbinnen, im Heiligenbeiler Kessel, im Samland am Frischen Haff, bei Königsberg und Pillau und wurden hier vernichtet. Ihrem opfervollen Kampf verdanken zehntausende Ostpreußen die Flucht in den Westen Deutschlands. Die 11. Division ergab sich im Kurland Kessel. Die 217. Infanteriedivision hörte im Sommer 1943 bei Korosten, in der Ukraine, auf zu existieren und die 291. Infanteriedivision wurde im Januar 1945 im Weichselbogen zerschlagen. Die ostpreußischen Soldaten bezahlten die abenteuerliche Aggressionspolitik Hitlerdeutschlands mit ihrem Leben. Sie leben in den Erinnerungen ihrer Familien, in Erzählungen, Bildern und Dokumenten weiter.

Viele der gefallenen ostpreußischen Kämpfer ruhen heute auf der Kriegsgräberstätte Solugobowka. Die zentrale Grabanlage an der alten Klosterkirche bei Solugobowka wurde durch den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in den neunziger Jahren für die deutschen Gefallenen der Schlachten am Wolchow, am Ladogasee und um Leningrad eingerichtet. Von 1996 bis heute wurden über 56 000 gefallene deutsche Soldaten dort bestattet. Darunter tausende ostpreußische Kämpfer, die von 1941 – 1944 hier ums Leben kamen. 150 000 deutsche Soldaten sind bei diesen Kämpfen gefallen oder wurden vermisst. Auf der Kriegsgräberstätte ist eine Zubettung von 80 000 Toten geplant. Sie ist die weltweit größte deutsche Kriegsgräberstätte. Die auf dem von Russland zur Verfügung gestellten Grundstück befindliche orthodoxe Kirche “Mariä Himmelfahrt“, wurde im Krieg als Lazarett genutzt und zerstört. Vom Volksbund wiederhergestellt, befindet sich in ihrem Gewölbe ein Gedenk- und Ausstellungsraum mit Schicksalsbeschreibungen deutscher Kriegsopfer, alle Namen in Russland gefallener, vermisster und in Gefangenschaft verstorbener deutscher Soldaten sind hier dokumentiert. Kriegsgräberstätte Solugobowka Russland

Der Kirchenraum dient wieder Gottesdiensten und der stillen Einkehr. Die Möglichkeit eine solche würdige Gedenkstätte auf russischem Boden zu errichten ist für mich ein Zeichen der Versöhnung und des Gedenkens zwischen dem deutschen und russischen Volk. Auch das russische Volk brachte bei der dreijährigen Schlacht um Leningrad furchtbare Blutopfer. Über 800 000 Leningrader starben bei der deutschen Blockade, die meisten verhungerten. Hunderttausende russische Soldaten fielen in den Urwäldern am Wolchow, den Mooren südlich des Ladogasees und an der Newa. Viele deutsche und russische Soldaten haben keine Grabstätte, sind vermisst oder wurden nicht geborgen.

In den Anfangsjahren der Errichtung des Friedhofes, nahe beim kleinem Dorf Solugobowka, kam öfter ein altes russisches Mütterchen und legte am Gedenkkreuz Sträuße von Wiesenblumen nieder. Auf die Frage, warum sie den deutschen Soldaten, die viel Leid über das russische Volk brachten, gedenke, antwortete sie:

Die gefallenen russischen und deutschen Soldaten waren alle Söhne von Müttern“

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.